Das Ungreifbare zähmen

SarsCov2 kann Hirnnerven angreifen und damit den Geruchssinn vorübergehend vernebeln, den Geschmackssinn ausschalten. Es kann den menschlichen Organismus unbemerkt befallen oder dort leichte bis schwerste Krankheitssymptome und Organschäden hervorrufen, und es ist im schlimmsten Fall tödlich.

Welches Ausmass an Corona-Infizierten aber verkraftet unsere Wirtschaft, ohne zu kollabieren?
Immerhin hat das Virus unser Leben so stark paralysiert, dass die Wirtschaftsleistung hierzulande bereits im ersten Quartal 2020 um 2,2% eingebrochen ist. Fürs zweite Quartal rechnet das Münchner Ifo-Institit für Wirtschaftsforschung sogar mit einem Minus von 12,4 %.

Wie uns die Lockerungen Zug um Zug gesundheitlich bekommen, ist offen.

In welchem Umfang und in welchem Tempo die Wirtschaft dabei wieder auf die Beine kommt, ebenso.
Sicher ist nur: Normalität dürfen wir vorläufig nicht erwarten.

Aus diesem Grund haben Ökonomen des Münchner Ifo-Instituts und Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig eine Studie*) vorgelegt:

Bemerkenswert zum Einen, weil es eine Premiere ist, dass Infektionsforscher und Wirtschaftswissenschaftler gemeinsam überlegen, wie sich die Pandemie so weit „zähmen“ lässt, dass sich gesundheitliche und wirtschaftliche Schäden auf ein erträgliches Mass vermindern.

Und zum Anderen liegen ökonomische und gesundheitliche Interessen in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend im Widerstreit.

Um fünf nach Zwölf ändert sich die Politik in Deutschland. Es gibt nun endlich eine Wende…“
rügte FDP-Chef Christian Lindner, dem die Lockerungen nicht schnell genug gingen, Anfang Mai.
Deutschland erlebe gerade
„die Existenzvernichtung von hunderttausenden von Menschen“, sekundierte FDP-Vize Wolfgang Kubicki.

Milliardenschwere Finanzhilfen sind sicher das wichtigste Mittel, um gegen zu steuern.
Wie aber epidemiologisch mit dem Virus umgehen?

Corona-Lockerungen: „Schritt-Tempo“ empfohlen. Illustration: Maximilian Schönherr 2)

Die Wissenschaftler schlagen vor, die Lockerungen „mit umsichtigen Schritten“ so anzulegen, dass künftig oder auch bei einem eventuellen zweiten Infektionsschub ab Herbst bundesweit nicht mehr als 300 neue Sars-CoV-2-Ansteckungen pro Tag zu verzeichnen sind.

Mit bis zu 300 Neuinfektionen täglich seien die 400 Gesundheitsämter im Land in der Lage, die Infizierten und ihre Kontaktpersonen im Blick zu behalten und sofort unter Quarantäne zu stellen.
Ausserdem müssten die Testkapazitäten nach Meinung der Autoren „deutlich ausgeweitet“ und das Personal in den Gesundheitsämtern aufgestockt werden.
So liesse sich ein erneuter scharfer Lockdown vermeiden.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine leichte, schrittweise Lockerung der Beschränkungen den Weg mit den niedrigsten wirtschaftlichen Kosten darstellt,“ so die Kernbotschaft der Verfasser.
Ausserdem liesse sich so die Zahl der Todesopfer begrenzen.

Wie wichtig solche Überlegungen sind, zeigt sich an den immer neu aufflackernden Hotspots:
Wo viele Menschen in geschlossenen Räumen zusammen kommen, genügt ein „Superspreader“, ein Mensch, der bei dieser Gelegenheit viele ansteckt, und die Infektion kann sich von dort aus rasend schnell ausbreiten, wie nun schon mehrfach bei uns bei und z.B. zuletzt auch in Südkorea.

Die vorliegende Studie beruht auf einer Kombination epidemiologischer und ökonomischer Rechenmodelle.
Wenn, wie in diesem Fall, verfügbare Daten und Variablen als Basis der Modellierungen lückig sind, arbeiten Forscher mit Schätzungen:
So entwickelten und berechneten sie verschiedene Szenarien, Analysen für 200, 300 und 400 Infektionen pro Tag. Die „Robustheit“, also Plausibilität ihrer Simulationsmodelle haben sie anschliessend mehrfach gegengerechnet, alles in allem ein mit vielen Zahlen und Grafiken unterfüttertes Werk.

Ergebnis:

Die kontrollierbare Zahl von 300 Neuinfektionen täglich liesse sich, so die Forscher, am schnellsten mit umfangreichen Einschränkungen im Alltagsleben der Bevölkerung erreichen.
Damit aber wäre auch die Wirtschaftsleistung erheblich gedrosselt, wie wir in den letzten Monaten erlebt haben.

Würden sich die politisch Verantwortlichen hingegen entscheiden, zu stark zu lockern und die restlichen Beschränkungen für längere Zeit gelten lassen, um die Neuinfektionen langsam zu begrenzen, dann liefe auch die wirtschaftliche Produktion länger auf nur niedrigerem Niveau.
Beide Szenarien seien finanziell ungünstig für die Wirtschaft.

Ausdrücklich weisen die Verfasser darauf hin, dass es „über den quantitativen Zusammenhang zwischen den Wirkungen von Lockerungsmassnahmen, der Reproduktionszahl (also Neuinfektionen, Anm.) und den Auswirkungen auf die Wertschöpfung keine gesicherten empirischen Erkenntnisse“ gibt.

Ihre qualitative Aussagen aber halten sie für robust:

Will man wirtschaftliche und gesundheitspolitische Ziele in Einklang bringen, dann sei „eine leichte und schrittweise Lockerung“ mit Kontaktbeschränkungen, die die Wirtschaftsleistung nicht wesentlich behindern, „einer schnellen Aufhebung vorzuziehen.“

 

 


*)Florian Dorn, Sahamoddin Khailaie, Marc Stöckli, Sebastian Binder, Berit Lange, Andreas Peichl, Patrizia Vanella, Timo Wollmershäuser, Clemens Fuest und Michael Meyer-Hermann

„Das gemeinsame Interesse von Gesundheit und Wirtschaft:
Eine Szenarienrechnung zur Eindämmung der Corona-Pandemie“

Eine gemeinsame Studie des ifo Instituts (ifo) und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung

(HZI)

Abgeschlossen am 12. Mai 2020

1)Lizenz: commons.wikimedia.org /File Social Distance (Illustrtion).jpg /unbearbeitet
2)Lizenz: commons.wikimedia.org / File Corona Virus in trolley.jpg/unbearbeitet

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