Blaues Wunder

Ein Jugendstilentwurf, noch etwas ungelenk? Nein. Der berühmte „Münchner Kelch“ ist das erste nachgewiesene Glaserzeugnis der Welt. Er hat unvorstellbar lange Zeiten überdauert.

Stimmiger könnte der Zugang nicht sein. Will man in München die Schätze der ägyptischen Antike in Augenschein nehmen, dann geht es zunächst eine lange, flache Freitreppe hinab ins Museumsfoyer. Und dann ist der Blick von oben frei auf eine verheissungsvolle Dämmrigkeit, ausgeleuchtet nach allen Regeln der Lichtkunst, in einen weiten, noch tiefer gelegenen Saal. Wieder führt eine breite Treppe abwärts. Eine schöne Analogie, schliesslich sind die Exponate ja den Tiefen unter dem Wüstensand entrissen.

Den blauen „Münchner Kelch“ muss man suchen oder er begegnet einem mitten drin auf der Leit-Route durch die exzellent gegliederte Sammlung. Er ist nicht nur schön, sondern das wohl nachweislich älteste Gefäss der Welt aus dem damals neuen Material Glas: ca. 1450 v.Chr. geformt und gebrannt.
In Ägypten war die Glasmacherkunst in dieser Zeit noch unbekannt. Desto lieber führte man Glaswaren wie Gefässe für Kosmetika, Henkelflaschen oder kleine Amphoren aus Vorderasien ein oder nahm sie als Beutestücke aus nahezu ständigen Eroberungsfeldzügen mit: So hat Pharao Thutmosis III vermutlich den blauen Kelch aus seiner Schlacht in Mitanni in Nordsyrien mitgebracht.

Viel auf Eroberungs-Kriegen…
(Abbildung: Luxor Museum Luxor)

Womöglich hat der Pharao das kostbare Stück einem hohen Beamten geschenkt. Ein Souvenir an den Herrscher, denn Thutmosis III hat seinen Namen auf einer aufgeschmolzenen sogenannten Kartusche am Kelch verewigt.

…Pharao Thutmosis III 1486-1425 v.Chr.
(Abbildung: Kunsthistorisches Museum Wien)

Zur Freude der Forschung, die das Glas deshalb so präzise datieren konnte.

Wer den Münchner Kelch wo genau später in Ägypten gefunden hat, liegt im Dunkeln. Eine erste Abbildung taucht 1834 in einer wissenschaftlichen Publikation des italienischen Ägyptologen Ippolito Rossellini auf. Nach Europa mitgebracht hat das Gefäss der irische Reiseschriftsteller und Altertumsforscher Edward Dodwell bereits 1830. Der lebte in Rom, hatte dort auch seine Sammlung ägyptischer Antiquitäten, und es ist anzunehmen, dass von ihm der Kelch an Einkäufer König Ludwigs I ging.
Der kunstsinnige Bayern-König, der Schönheit wie Schönheiten über alles zugetan, siehe seine berühmte Kollektion von Frauengemälden („Schönheitsgalerie“), finanzierte seine Leidenschaft für Antiken grösstenteils aus der Privatschatulle.

Begrenzte Mittel also, die keine eigenen Expeditionen nach Ägypten erlaubten wie sie sich etwa Preussen, Frankreich, Grossbritannien und Italien leisteten. Mit reicher (Aus-)beute für ihre Museen.

Dennoch trieb der Museumsgedanke König Ludwig I um, seit er in jungen Jahren die vielen Vorbilder dazu in den wichtigsten Hauptstädten Europas kennen gelernt hatte: Antiken zu sammeln und erstmals den Menschen in Bayern in einem eigens dafür gebauten Museum zugänglich zu machen, statt die Schätze hinter den Mauern seiner weitläufigen Münchner Residenz privat zu geniessen. Das Ergebnis ist die Glyptothek des Architekten Leo von Klenze am Königsplatz. Das heutige Ägyptische Museum von 2013 fand unter der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen Platz.

Dezent platziertes Schmankerl unter den grossartigen ägyptischen Exponate: Ein vom Herrscher geordertes Gemälde des Historienmalers Wilhelm von Kaulbach. König Ludwig I lässt sich von den Wissenschaftlern und Kunstkennern seines Vertrauens, die für ihn auf Einkaufstour gingen, huldigen und Angebote unterbreiten. Die naiv-selbstherrliche Attitüde des Mäzens amüsiert heutige Betrachter,  “ jedoch bereits damaligen Zeitgenossen musste die Szene anachronistisch und ins Groteske verzerrt erscheinen“, schreibt Herbert W. Rott in der museumseigenen Publikation MAAT Nr. 15.

König Ludwig I mit Künstlern und Gelehrten
(Gemälde Wilhelm von Kaulbach 1848)

Klein aber fein, so etwa das Motto des Bayerischen Königs für seine Antiken, obwohl beschränkt auf Ankäufe aus zweiter Hand, von Händlern z.B. Dazu passt das signierte Pharaonen-Unikat des Münchner Kelchs.

Reichhaltige Glassammlungen lassen sich in anderen Museen bewundern.
Dort ist auch die Entwicklung zum transparenten Material nachvollziehbar. Denn der blaue Kelch und andere Stücke aus der Frühzeit der Glasherstellung sind noch undurchsichtig. Wie überhaupt ziemlich unklar bleibt, wie und wo Menschen die Glasmacherei entdeckt haben.
Möglicherweise in Mesopotamien, dem Zweistromland an Euphrat und Tigris, dem östlichen Mittelmeer, oder auch in Ägypten?

Es könnte eine Zufallsentdeckung gewesen sein: Zu heisse Brände beim Töpfern, leichte Fehlzusammensetzung von kalkhaltigem Sand und Natron, wodurch sich eine Aussenglasur bildete.
Syrische Handwerker entwickelten in der Zeit um 200 v. Chr. die Glasbläserei mit Hilfe eines Rohres.
Farbloses Glas gelang mit dieser neuen Technik erst um 100 n.Chr. in Alexandria.

Ägyptische Sammlungen der Universität Pisa o.A.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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