Demenz – kaum etwas fürchten ältere Menschen mehr, als zunehmend ihren Verstand zu verlieren: Damit ihr selbst bestimmtes Leben und – nicht zuletzt – ihre Geschäftsfähigkeit.
Eins stand für Ruth immer fest, auch mit über 90 Jahren.
„Mein letzter Wille: Mich trägt man hier nur auf der Bahre aus meiner Wohnung raus.“ Auch mit nachlassenden (Geistes-) Kräften mochte sie sich „nicht einem Altenheim ausliefern.“
Obwohl ihre Haushaltshilfe eines Tages nicht mehr kam, wollte sie ihre eigenen Fähigkeiten so lange wie möglich nutzen.
Sie hatte aber das Glück, mit Corinna eine freiwillige Alltagshilfe gefunden zu haben, die einmal pro Woche zu ihr kam – beide Namen geändert.
Corinna versorgte „nach Anweisungen“ u.a. den Garten. Sie begleitete Ruth beim Einkaufen. Kochen, auch für zwei, das konnte Ruth noch. Mit fortschreitendem kognitivem Verfall bei ihr stellte Corinna zunehmend hygienische Mängel im Haushalt der alten Dame fest und mochte schliesslich auch nicht mehr die Mahlzeiten mit ihr teilen.
„Ich fand Maden in Lebensmitteln und habe das dann entsorgt“. Ansprechen wollte sie es nicht, um Ruth nicht zu kränken.
Freiheitsrechte
Tatsächlich sind die gesetzlichen Hürden zum Schutz gegen jegliche unnötig einschränkenden Freiheitsrechte Betroffener hoch: Im Wesentlichen verankert im Grundgesetz (GG) Art. 2 und im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) P. 1906.
Die noch immer verbreitete Furcht vor „Zwangseinweisung“ in ein Heim ist unbegründet.
Mit Ruth hatte Corinna ausgemacht, dass sie täglich ein Mal spätabends bei ihr anruft, sicherheitshalber. Das funktionierte gut und passte für die beiden „Nachteulen“.
Eines nachts erreichte sie Ruth nicht. Bekannte und der Notarzt fanden die 92-Jährige am Kopf blutend, tot auf dem Küchenboden liegend. „Ich war war traurig, aber auch erleichtert,“ sagt Corinna. Ruths Wunsch, die Wohnung „nur auf der Bahre zu verlassen“, hatte sich erfüllt. Und: Bis zuletzt hatte sie nach ihren Vorstellungen leben können.
In den privaten vier Wänden kann jeder und jede das Leben nach eigenen Wünschen gestalten, so lange sie z.B. andere nicht belästigen, Nachbarn etwa weil es aus der Wohnung dauernd übel riecht.
In solchen Fällen kann man sich – auch anonym – an kommunale Sozialbehörden oder die Landratsämter wenden.

Mit Geduld, sehr viel Feingefühl und Einfallsreichtum lasse sich tatsächlich so manches Problem entschärfen, sagt z.B.Tanja Fröhlich vom Pflegestützpunkt in Baden-Baden. Weil anrufen meist zwecklos ist, setzt sie mit ihrem Team auf Hausbesuche. Auch immer wieder. Und immer mit Dienstausweis, denn manche Menschen öffneten nicht gleich die Tür, vernünftig.
Wenn ein Nachbar, eine Nachbarin mit geht, umso besser.
Ohne jeden Druck biete die Kommune Pflegeleistungen an, weise auf finanzielle Unterstützung oder Haushaltshilfen, Alltagsbegleitung… etc. hin. Alles freiwillig zu nutzen, selbstverständlich. So etwa mit einer kleinen List angeboten die kommunale Tagesbetreuung als eine Art „Kuraufenthalt“.
Denn: Tagesbetreuung? Ein Unwort! Da würden viele nie hingehen. Und mögen es dann doch immer wieder nach einem Testbesuch, so Tanja Fröhlich.
Zu einem Erstbesuch brachte sie einen Packen Bio-Mülltüten mit – als „Türöffner“ und Gesprächsgrundlage. Aus dem Umfeld eines alten Mannes hatte sie Hinweise auf dessen generelle Schwierigkeiten beim Umgang mit Müll bekommen… Und manch alte Dame fasse gerade auch bei einem männlichen Besucher vom Pflegestützpunkt Zutrauen…
Vertrauen aufbauen, überzeugen. Was wünschen sich die Betroffenen? Eine Patientenverfügung, vor allem eine Vorsorgevollmacht bieten Orientierung. Auch wenn man die allein und ohne Anhang lebenden Menschen nicht mehr sich selbst überlassen kann, betreutes Wohnen o.ä. unumgänglich wird.
Wenn Demente andere gefährden.: Sich auf einen Autobahnzubringer verirren z.B. Nachts ständig lärmend im Treppenhaus herumgeistern. Auto fahren trotz festgestellter Unfähigkeit plus Führerscheinentzug…
Bei aggressivem Verhalten, vor allem körperlichen Attacken…
Klappt es nicht mit Überzeugung, prüft und entscheidet letztlich ein zuständiges Betreuungsgericht über eine passende Unterbringung in einer Altenbetreuungseinrichtung. Schliesslich geht es für die Dementen um einen schweren Eingriff in das persönliche Recht, den eigenen Aufenthaltsort, die eigene Wohnung jederzeit frei wählen zu können. Ausserdem kann das Gericht eine amtliche Betreuung einsetzen. Er bzw. sie sorgt dann u.a. dafür, dass hilflose Personen weiterhin in jeder Hinsicht die Gesetze für sich in Anspruch nehmen können.
Alte Alleinlebende haben aber z.B. auch das Recht, sich selbst und ihr Wohnumfeld zu vernachlässigen. Nur noch von Schokolade zu leben oder von H-Milch und Zwieback… 
Uta Scholz war lange Pflege-Fachkraft für Intensiv- und Anästhesie-Medizin in einem Grossstadt-Klinikum. Auch sie will ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen. Sie hat erlebt, wie Sanitäter allein lebende, verwahrloste, alte Patienten mit Geschwüren eingeliefert haben, mit üblen offenen Wunden, mit schlecht eingestelltem Diabetes, weil sie nicht zum Arzt gehen wollten…
In Grenzfällen wie auch etwa lebensbedrohlicher Mangelernährung müssen dann ebenfalls Gerichte entscheiden, ob ein amtlicher Betreuer eingesetzt werden muss und ob die betroffene Person noch allein in ihrer Wohnung leben kann.
„Ich will nicht ins Krankenhaus!“
Unter älteren Leuten kursiert teils die Furcht, herbei gerufene Rettungsdienste würden sie, hilflos wie sie ja oft sind, in jedem Fall, also auch gegen ihren Willen, in ein Krankenhaus einliefern. „Die wollen ja an der Einsatzfahrt verdienen!“
Nein, sagt Gerhard Bieber von den Münchner Johannitern. Es gilt das Recht auf gesundheitliche Selbstbestimmung,
Will jemand trotz präziser Aufklärung über eine ernste gesundheitliche Gefahr und gegen den Rat der Sanitäter-Crew nicht ins Krankenhaus, müssen die Patientin, der Patient dazu ein Protokoll unterschreiben, dass sie nicht wegtransportiert werden wollen. Gibt es Zweifel daran, dass er oder sie sie dazu geistig in der Lage ist, muss der Rettungs-Dienst einen Notarzt zur Beurteilung und /oder die Polizei hinzuziehen.
Die kann dann Sozialbehörden einen Hinweis auf die hilflose, auf sich gestellte Person geben.
„Unterm Radar“ leben – mit Absicht
Fallen Kinder oder andere Angehörige als Betreuungspersonen aus, warum auch immer, können Demenzkranke, gut unterstützt, in ihren vier Wänden wohnen bleiben, ihre verbleibenden Kräfte nutzen. Manche nur ein bis zwei Jahre, anderen fünf Jahre und länger, sagt Tanja Fröhlich.
Aber Demente beantragen oft keine Hilfe aus Furcht, dann ihre Autonomie zu verlieren. Aus Angst vor „Papierkrieg“, aus Scham, ihre Demenz anderen einzugestehen. Ihre mitunter armseligen finanziellen Verhältnisse offen legen zu müssen, um Unterstützung zu bekommen…
Es ist dann ihr Risiko, wenn sie sich draussen zunehmend schlecht orientieren können, stürzen, oder einsam in der Wohnung liegen bleiben. Dabei wäre z.B. eine Notruf-Uhr mit GPS hilfreich. Und als Vorbeugung: Sturzprophylaxe. Leichte Übungen gibt es auch für Demente.
Es ist auch ihr Risiko, wenn sie zu wenig essen und trinken, ihre Medikamente nicht einnehmen.

„Servus, wir kommen vom ASZ – kennen Sie das?“
Unterwegs im Münchner Gollier-Park mit Zeynep Özmert und Ralf Emmerich vom Alten- und Service- Zentrum (ASZ) Westend der Caritas. Denn genau darum geht es: Alte Menschen im Viertel, dement oder nicht, anzusprechen, die Schwellenangst vor einer öffentlichen Einrichtung zu nehmen. Kostenlos beraten, unterstützen bei Anträgen und Behördengängen, gesundheitlichen Anliegen, finanziellen Schwierigkeiten…
Drei alte Damen auf einer Bank, eine vierte daneben kennen Özmert und Emmerich noch nicht. Also stellen sie sich namentlich vor. Schnell sind sie mit dem Quartett im Gespräch, und demnächst wollen alle vier gemeinsam im ASZ beim Tischtennis-Turnier zuschauen.
„Einsamkeit ist das Grundphänomen“, sagt Ralf Emmerich. Demenz und andere körperliche Gebrechen, aber auch Sucht, sässen sozusagen oben drauf.
„Die sind immer für mich da,“ sagt ein alter Mann im Park. „Ich bin im ASZ gut aufgehoben. Die haben gute Tipps und immer Verständnis für mich, schreiben Sie das!“
Gegen das Gift der Einsamkeit
Sozialer Mittagstisch, Singkreis, Biergartenbesuch, Rundgang durch das Viertel, Hof-Flohmarkt, Smartphone-Sprechstunde, Fusspflege, Nähtreff, Quigong, Gymnastik, Gedächtnisspiele…
Die Veranstaltungen in den 33 dezentralen ASZ der Stadtteile stehen allen Älteren offen. Das ist klug, denn wenn Menschen ihre Alltagskompetenzen verlieren, dann auf höchst unterschiedlichen Gebieten. Langjährig gut eingeübte Tätigkeiten z.B. klappten dann u.U. noch gut, sagt Zeynep Özmert. Und manchen Dementen merke man ihre Situation, je nach Verlauf, gar nicht bzw. erst nach einer gewissen Zeit an. Andere realisierten ihren Zustand nicht oder wollten ihn nicht wahrhaben. Es spiele auch keine Rolle, die alten Menschen in den ASZ gingen in aller Regel tolerant miteinander um.
In mittlerweile 18 Stadtteilen gehen ASZ- Fachkräfte je zwei Mal wöchentlich zwei Stunden nachmittags auf alte Menschen zu. In Parks, in den Zentren. Beim Einkaufen mit dem Rollator z.B. Ablehnend reagierten die wenigsten. So sind knapp 3000 Kontakte mit SAVE seit 2020 gelungen.

Alltagshilfen auf dem Land?
Beispiel: Die Prignitz, Ein Landstrich westlich von Berlin, so schön wie einsam. Die Jungen sind weg gezogen, Ältere leben allein z.T. in viel zu grossen Häusern. Und ja, es gebe Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliche Unterstützung, Haushaltshilfen und Pflegedienste vom DRK, der AWO und Diakonie, sagt Désiré Hecht vom DRK in Wittenberge – aber nicht immer ausreichend.
Der Haus-Notrufknopf oft als Hilfsmittel Nr. 1 ist nicht nur in der Provinz unentbehrlich für Alleinlebende: Konsequent am Arm getragen, draussen wie drinnen, habe sich beispielsweise eine leicht demente Dame vom 84. bis 86. Lebensjahr noch komplett selbst versorgt, ehe sie mehr Unterstützung brauchte und in ein betreutes Wohnen umziehen musste, so Desiré Hecht.
Mit Seniorensport, Mittagstisch, Grill- und Tanznachmittagen, Töpfern, Modenschauen… locken auch in der Prignitz etwa die AWO oder das DRK – beste Präventionsarbeit, um geistige und körperliche Kompetenzen alter Menschen nicht vorzeitig erlahmen zu lassen. Denn Stadt oder Land – in unserer alternden Gesellschaft ist es auch ökonomisch dringend geboten, die teuren Pflegeheimplätze den Menschen zu überlassen, die sie dringend brauchen.

JUHI
Mit einer charmanten Geschäfts-Idee ist die JUHI GmbH in den Markt professioneller Haushaltshilfen gestossen.
Zwei Abiturienten aus Berlin Moabit, Ali Aberderrahmane und Burak Erkovan, haben JUHI vor 5 Jahren gegründet.
Das Start Up unterstützt alte Menschen, die sich Haushaltshilfen zu Normalpreisen nicht leisten können. Hauptsächlich aber Personen aller Pflegegrade in ihren vier Wänden, mehrheitlich 1-3, darunter auch leicht Demente.

Mit Gratis-Nachhilfe aus einem Förderprogramm zum Abitur:
Gründer Ali Aberdarrahmane, Burak Erkovan aus Berlin Wedding
Als Alltagshilfen: Studierende, Schüler und Azubis. Sie bügeln, erledigen kleine Reparaturen. Begleiten beim Einkaufen und bei Spaziergängen, gehen zur Post. Erledigen Gartenarbeit. Oder man geht mal gemeinsam einen Döner essen.


Von Kiel bis München, von Essen bis Chemnitz, die vielfach preisgekrönte JUHI GmbH hat nach eigenen Angaben über 8000 Kundinnen und Kunden bundesweit, ist mit ca. 4000 jungen Helferinnen und Helfern in 33 Städten in 7 Bundesländern präsent und kooperiert mit vielen lokalen Pflegediensten und Beratungsstellen.
Die JUHI-Website wirbt mit zufriedenen Kunden, und auf Kununu erteilen junge Helferinnen und Helfer dem Unternehmen durchweg sehr gute Noten.

JUHI auch in der Provinz – das wäre eine grosse Hilfe, ist aber nicht leistbar. JUHI versuche es z. Zt. im Umkreis von Universitätsstädten wie Potsdam etwa, sagt Pressesprecherin Lina Heimann. Aber: je nach Bundesland, je nach Kommune dauere es mal nur kurz, manchmal aber auch sehr lange, bis JUHI dort zugelassen werde.
Wird fortgesetzt: Betrüger und übergriffige Angehörige
Zahlen
Allein leben in Deutschland:
– Personen über 65 Jahre alt: 43%
– Personen über 85 Jahre alt: 56%
(Quelle: D_ Statis, Statistisches Bundesamt 2025)
Demenzkranke
1,730 Mio. Menschen über 65 (Schätzung)
(Quelle: Alzheimer Gesellschaft 2023)
Formen von Demenz
https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/demenz/allgemeines
Beratung bei Demenz
Alzheimer Telefon
030 – 259 37 95 14
Infos zu Haushaltshilfen und Begleitdiensten
https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/gesundheit-pflege/pflegeantrag-und-leistungen/haushaltshilfe-die-pflege-mit-haushaltsnahen-dienstleistungen-ergaenzen-42698
